Sagen und Geschichten

aus Görkau und Umgebung

* Der verhängnisvolle Maskenzug

* Der Schwesternraub von Rothenhaus

* Das Hahnenkreuz von Görkau

* Drei Frauen auf dem neuen Görkauer Friedhof

- besondere Geschichten über die Stadtkirche von Görkau findet man unter:
Die Stadt Görkau - Dekanalkirche St. Aegidius - am Ende des
Beitrages -

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Die bekannteste Geschichte von Görkau aus der Zeit des Mittelalter ist wohl "Der verhängnisvolle Maskenzug".

Hier ein kurzer Ausschnitt davon aus dem Geschichtsheft "Görkau und Schloß Rothenhaus" vom Verlag Hans Hujer-Görkau/Darmstadt.
Die gesamte Sage in Kurzversion steht auf dieser Internetseite unter Rückblicke 2016.

Goerkauer_Maskenzug_kurz

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Eine weitere Sage über Rothenhaus ist die Geschichte vom Schwesterraub

Schwesternraub_Sage

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Das Hahnenkreuz von Görkau

 

Die Sage über dieses Gedenkkreuz, das zuletzt gegenüber dem Görkauer Bahnhof stand, stammt aus der Zeit der Hussitenkriege und wird in leicht veränderter Form in verschiedenen Chroniken und Zeitschriften immer wieder einmal erwähnt. Die Komotauer Heimatzeitung und die Jahrbücher berichteten ebenso darüber, wie bereits das alte Sagenbuch im Erzgebirge Museum Nr. 669, von Fr. Bernau, Comotovia, 1877, S. 77.

Hier die älteste Version, die später von Frau Maria Bäuerle nacherzählt wurde:

An der Straße von Udwitz nach Görkau findet man linker Hand ein von Lindenbäumchen beschattetes Kreuz, das sogenannte Hahnenkreuz, worauf ein von vergoldetem Blech gefertigter Hahn befestigt ist. An diesen knüpft sich folgende Sage:

Zur Zeit der Hussitenkriege zogen die Scharen des gefürchteten Ziska, nachdem sie die Stadt Komotau in Asche gelegt, auf die Stadt Görkau und das Schloss Rothenhaus los, um unter den dortigen katholischen Bewohnern ebenfalls mit Blut und Mord aufzuräumen. Es war am Schutzengelfeste, als sie durch einen äußerst dichten Nebel auf ihrem Zuge dahin aufgehalten wurden und sich erst dann wieder in Bewegung setzten, als sie ein aus der Ferne her schallendes Hahnengeschrei vernahmen, welches, wie sie glaubten, von Görkau herüber tönte. Sie verfolgten die Richtung des Krähens und verfehlten glücklich die Stadt, indem sie weiter östlich gelangten und schließlich nicht mehr zurückkehrten. Zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung aus drohender Gefahr ließen die Bewohner von Görkau das erwähnte Kreuz anfertigen und auf dem Friedhofe aufstellen, von wo es im Jahre 1854 auf den jetzigen Platz unter großen Feierlichkeiten übertragen wurde. Die kleinen daselbst stehenden Linden wurden damals von der Görkauer Schuljugend gepflanzt.

 

 

Hahnenkreuz_alt

 

Alter Standort des Hahnenkreuzes an der Udwitzer Straße

Bild und Text aus: „Stadt Görkau im Bild“ von H. Hujer, Görkau

 

 

 

Hahnenkreuz_Dia

 

Das Hahnenkreuz in Görkau

 

Standort: gegenüber dem Görkauer Bahnhof; an der Straßenecke des Weges nach Neu-Pirken,

im Hintergrund das Erzgebirge

 Foto S. Hennrich, 1938

Im alten Stadtplan von Görkau aus dem Jahre 1931 ist dieses Hahnenkreuz noch mit einem Symbol  eingezeichnet  (siehe www.goerkau.de – Die Stadt Görkau – Stadtplan).

Wie auf dem Foto zu erkennen ist, handelt es sich um einen zweiteiligen Steinsockel mit einem aufgesetzten, aus Eisen bestehenden Kruzifix in barocker Formgestaltung. Die Gesamthöhe betrug wohl ca. 3,50 Meter.

In den 1960er Jahren wurde das Kreuz samt Sockel zerstört oder weggebracht.

Heute befinden sich auf dem Platz gegenüber dem ehemaligen Bahnhof von Görkau drei tschechische Gedenksteine. An der Stelle des ehemaligen Hahnenkreuzes wird der tschechischen Toten von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 gedacht.

In verschiedenen Heimatheften des Görkauer Freundeskreises finden sich zu dieser Sage, die ganz sicher einen historischen Hintergrund hat, noch Ergänzungen und Ausschmückungen.

Karl Mittelbach berichtet beispielsweise von einer Prozession der gesamten frommen Bürgerschaft von Görkau, die an besagtem Tage im Jahre 1421 von der Stadtkirche zum Marktplatz zog und das Schutzengelfest mit Predigt und Gebeten beging. Niemand ahnte, welchem schlimmen Geschehen die Stadt entgangen war.

Allerdings gibt es bei den verschiedenen Berichten gewisse Ungenauigkeit. Das genannte Schutzengelfest wurde allerdings erst 1670 in der kath. Kirche eingeführt und auf den 2. Oktober festgelegt. Es kann jedoch sein, dass es in Görkau eine besondere Statue mit einem Schutzengel gab; z.B. des Erzengels Michael oder Gabriel, die in dieser Zeit eine besondere liturgische Verehrung erfuhren.
Die plündernden und mordenden Horden der Hussiten, die am 16. März 1421 Komotau zerstört und fast alle seine Einwohner umgebracht hatten, kamen, gemäß  einem Bericht von Herbert Marsch im Komotauer Jahrbuch von 2011 aus Richtung Komotau und wollten auch Görkau und die deutsche Bevölkerung ebenso vernichten.Wie die Sage berichtet, zogen die Hussiten durch diese glückliche Fügung – dem Krähen eines Hahnes - an Görkau vorbei, den so genannten Slawenweg entlang (auf der Görkauer Flurkarte mit Nr. 31 bezeichnet und später Sadschitzer Straße genannt) und kamen so zunächst nach Saaz und dann vor die Tore von Brüx.Weiter lesen wir im Beitrag von Dr. Kurt Sandner: „Was für die Görkauer zum Segen geriet, war für die Brüxer zum Unheil gediehen. Die Hussiten zogen mit ihren Wagenburgen vor die Stadt und belagerten sie.“ Über das weitere Geschehen in Brüx zu berichten, würde allerdings hier den Rahmen sprengen.Eine Aussage des Verfassers des ersten Beitrages sei aber noch erwähnt:„Als die Görkauer endlich erfuhren, welches Glück der Himmel von ihnen abgewendet hatte, stellten sie aus Dankbarkeit das Hahnenkreuz auf. Berichten gemäß steht dieses Gedenkkreuz nicht mehr, was wohl verständlich ist, denn Hussiten lassen doch nicht ein Denkmal stehen, das an ihre Niederlage erinnert.“


Hahnenkreuz_Zeichnung

                                                                                            Steinsockel des Hahnenkreuzes

Zeichnung: Olga Schmidt, 2019; nach dem Foto von S. Hennrich

 

In der Görkauer Chronik von Rudolf Pensler von 1928 lesen wir auf Seite 9: „Das jetzige, gegenüber der Bahnstation stehende Kreuz wurde von der Bürgerwitwe Elisabeth Seemann im Jahre 1854 errichtet. An der Vorderseite des Sockels sieht man einen (ehemals vergoldeten) Hahn.“ Wie es in Böhmen üblich war, hatte man den Sockel des Kreuzes mit einem kleinen Lattenzaun umgeben und es gab unten auch einen Platz, an dem gläubige Heimatleute Blumen hinstellen konnten.

Alle bisherigen Nachfragen bei Historikern und beim Museum in Komotau nach dem Verbleib des Kreuzes blieben bisher ohne Erfolg.  So manches Kleinstadtidyll ist in den letzten Jahrzehnten aus dem Stadtbereich verschwunden; versunkene Romantik aus den Tagen unserer Väter. Positiv und lobenswert sind hingegen die Restaurierung des großen Wandbildes an der Stadtkirche St. Ägidius (2014) und die Renovierung des großen Kriegerdenkmals von 1914-18 und die Neugestaltung des Annaparks im Jahr 2018.

 

Jürgen Schmidt, Mai 2019

Quellen:

Chronik von R. Pensler, 1928

Heft: Stadt Görkau von H. Hujer;

Foto: S. Hennrich; Zeichn. O. Schmidt, 2019

Dieser Beitrag wurde auch in der Komotauer Heimatzeitung Aug./Sept. 2019 veröffentlicht.

 

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Die Geschichte über drei Frauen,

die auf dem neuen Friedhof in Görkau begraben wurden

 

Soweit bekannt ist, wurden die Verstorbenen in alter Zeit in Görkau rings um die Pfarrkirche St. Aegidius begraben. Später auch einige von der Herrschaft des Schloßes Rothenhaus direkt in der Kirche. Genannt sei davon Christoph von Carlowitz, der einstige Besitzer des alten Schlosses, der auch das Alaunbergwerk einrichtete und Bürgermeister der Stadt Görkau Mitte des 16. Jahrhunderts war. Die Grabplatte mit dem knienden Ritter ist in der Kirche noch vorhanden. In der Rothenhauser Seitenkapelle befindet sich die Gruft mit den sterblichen Überresten einiger Adliger aus dem Hause Hohenlohe-Langenburg. Graf Sandro, der Enkel der bekannten Prinzessin Pimpinella aus dem Schloß Rothenhaus, legt dort bei seinen Besuchen stets Blumen nieder oder befestigt kleine Kränze.

Der spätere Stadtfriedhof lag etwa 200 m südlich der Dekanalkirche, linker Hand an der Bahnhofstraße, die nach Komotau führt. Dieser Friedhof war von einer Mauer umgeben und hatte ein sehr schönes Eingangstor (siehe Foto). Die dazugehörende Friedhofskapelle, die der Hl. Mutter Anna, geweiht war, befand sich in der Nähe des Tores und säumte die alte Straße. Wann genau dieser Friedhof, den man später Annapark nannte, eingerichtet wurde, ist aus der Chronik von Pensler nicht zu ersehen. Dagegen sind die Daten zur Schließung dieses Friedhofs und der viel später erfolgte, mutwillige Abriss der St. Annenkapelle und des historischen Eingangstores von 1771 sehr wohl bekannt.

Im Jahre 1696 wurde die kleine barocke Kirche erbaut. Wegen Einsturzgefahr mußte im Juli 1882 ein Teil des Bauwerks abgetragen und zwei Jahre später auf Kosten der Pfarrei mit knapp 2000 Gulden wieder hergerichtet. Nach 1945 wurde sie kaum noch genutzt, da die deutsche, katholische Bevölkerung vertrieben war und so riß man sie zur Straßenerweiterung im März 1966 einfach ab.

Weil der alte Annenfriedhof inmitten der Stadt vor mehr als einhundert Jahren zu klein geworden war, so berichtet die Stadtchronik folgendes: Von 1902 bis 1904 wurde von den die Friedhofsgemeinde Görkau bildenden Orten ein Kommunalfriedhof mit einem Aufwande von 96000 Kronen errichtet.

An der Straße nach Sadschitz befand sich ein entsprechend großes Areal, welches als „Neuer Friedhof“ am 23. Mai 1904  eröffnet werden konnte.

An diesem Tag gab es nun gleich zwei Leichen, die sozusagen diesen neuen Friedhof einweihen sollten oder eingeweiht haben. Die eine von ihnen steht in der Chronik und die andere hat ein Ehrengrab bekommen, welches noch heute gepflegt wird und das ganz besonders vom Görkauer Freundeskreis.

Zunächst Frau Theresia Münchenbach, sie starb am 23. Mai 1904 in Kaitz und war die Ehefrau des Mühlenbesitzers Münchenbach, Kaitz Nr. 26. Sie wurde auf dem neuen Friedhof in Görkau begraben, weil das wenige Kilometer östlich gelegene Dorf, ebenso wie Ojes, nach Görkau eingepfarrt und eingeschult war. An welchem Tag allerdings die Beerdigung stattfand, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, obwohl die Enkeltochter dieser Verstorbenen, Frau Anna Müller, geb. Münchenbach, mit 95 Jahren noch heute weiß, wo das Grab war. Sie betreute auch viele Jahre lang als Heimat-Ortsbetreuerin die vertriebenen Landsleute aus Kaitz und Ojes.

Die zweite Tote vom 23. Mai 1904 war Anna Haubner. Sie war erst 22 Jahre alt und stammte wohl aus Görkau. Auf dem Grabstein kann man folgenden Text lesen:

 

Grab_HaubnerHier ruht in Gottes Muttererde

Frau Anna Haubner.

Sie starb am 23. Mai 1904

im 22. Lebensjahre

Sie war somit die Erste

und hat den neugebauten Friedhof

mit ihrer Person eröffnet.

.

Aus diesem Anlass hat die

Vollversammlung des Kommunalfriedhofes

am 9. Oktober 1935 den Beschluss gefasst,

dieses Grab als Ehrengrab zu benennen

und für immerwährende Zeiten

in Ordnung zu halten.

                                                        Die Friedhofsverwaltung

 

 

 

 

Es muss nun angenommen werden, dass Anna Haubner als erste Tote auf dem neuen Friedhof in Görkau an der Sadschitzer Straße beerdigt worden ist.

Verwunderlich ist allerdings, dass die Friedhofsverwaltung erst 31 Jahre später (1935) den Beschluss fasste, dieser Verstorbenen ein Ehrengrab zu widmen.

Wiederum dauerte es 74 Jahre bis sich die neue tschechische Stadt- und Friedhofsverwaltung an dieses Ehrengrab erinnerte. Auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung des Görkauer Freundeskreises, besonders unseres Landsmanns Emil Siegert,  konnte das Grab der Anna Haubner, welches unweit des neuen Gedenksteins liegt,  im Jahre 2009 restauriert werden.

Jährlich wird es zusammen mit dem Gedenkstein gepflegt und geschmückt. Diese wichtige Erinnerungsarbeit wird teils von Soldaten der Bundeswehr und der tschechischen Armee, sowie von Heimatfreunden übernommen, „Damit kein Gras drüber wächst“, wie der Titel des gleichnamigen Buches vom Sprecher des Görkauer Freundeskreises, Prof. Rudolf Jansche, lautet. Zwei kleine Tafeln am Grab in Tschechisch weisen auf die Inschrift am Grabstein hin.

Aber nun zur dritten Person, die als Tote ebenfalls, allerdings einige Jahre später, auf dem neuen Friedhof begraben wurde. Dazu findet man in der Stadtchronik zu Görkau folgende Anmerkung:

Beschluss (der Stadtverwaltung) vom 9. Juli 1919, den alten Friedhof und die Annenkirche aufzulassen und die Leiche der Frächtersgattin Frau Theresia Hunger, die zur Errichtung des neuen Friedhofs 20.000 Kronen spendete, dort zu bestatten. (Frächter war die alte österreichische Bezeichnung für Transportunternehmer; Frachtführer)

Theresia Hunger lebte somit noch 15 Jahre nach Eröffnung des neuen Friedhofs, bis sie dann dort ihre letzte Ruhestätte fand.

Fast alle Gräber auf diesem schönen Friedhof mit dem recht großen und ansehnlichen Eingangsbereich und der Trauerhalle trugen bis 1945 deutsche Namen. Die verschiedenen Grabsteine mit den Namenstafeln aus Glas wurden größtenteils vom Bildhauer und Steinmetzmeister Franz Richter aus Görkau angefertigt.

Heute, im Jahre 2019, findet man leider nur noch wenige Gräber mit deutschen Inschriften. Es ist ja auch verständlich, wenn seit mehr als 70 Jahren kaum noch daheimgebliebene Deutsche in Görkau und den umliegenden Dörfern wohnen. Wer soll die alten Grabstätten pflegen; wer soll sie bezahlen? Auch in Deutschland werden auf den Friedhöfen Gräber, die älter als 25 oder 30 Jahre sind und nicht gepflegt werden, eingeebnet.

Auch mein Großvater, Heinrich Schmidt, aus Ojes wurde 1939 auf diesem neuen Görkauer Friedhof begraben. Sein Grabstein stand noch in den 1970er Jahren und die Grabstelle wurde später eingeebnet. Als Enkelsohn habe ich mir den Platz gut gemerkt und ihn auch meinen Kindern gezeigt. Meine Großmutter, Josefa, mussten wir leider 1953 in fremder Erde bestatten, obwohl ihr Platz im Doppelgrab bereits vorgesehen war.

Immer, wenn ich nach Görkau, in meine Heimatstadt komme, und das ist 2- bis 3-mal im Jahr, gehe ich zunächst an den Gedenkstein des Görkauer Freundeskreises am Eingang hinter der Kapelle, um an alle Görkauer, die hier und in der Fremde ruhen (so wie es auf dem Stein steht), zu denken und für sie ein kurzes Gebet zu sprechen. Danach aber besuche ich den Platz, an dem mein Vorfahr, mein Großvater, begraben liegt, auch wenn dort kein Stein mehr steht, der seinen Namen trägt.

Ich wünsche meinen Heimatleuten aus Görkau und der Umgebung, dass auch sie einen Platz haben, wo sie ihrer Vorfahren gedenken können und sei es nur im eigenen Herzen. Alle unsere Verstorbenen mögen in Gottes Frieden ruhen.

Jürgen Schmidt, im Mai 2019

Dieser Beitrag wurde auch in der Komotauer Heimatzeitung Okt. / Nov. 2019 veröffentlicht.

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